Vor gut zwei Monaten schrieb mir ein Bürger aus Hüfingen. Er hatte 2024 als einer der Ersten meine Unterstützerliste unterschrieben und mir später auch seine Stimme gegeben. Seine Nachricht war freundlich und zugleich sehr direkt: Wie geht es dir heute – und was ist aus dem Plan geworden, Bürgermeister zu werden?

Darauf lässt sich nicht sinnvoll mit zwei Sätzen antworten. Die kurze Fassung lautet: Der Wunsch ist geblieben, aber er ist nüchterner geworden. Ich weiß heute genauer, was ich kann, was ich damals unterschätzt habe und warum eine ernsthafte Kandidatur weit mehr verlangt als gute Ideen und den festen Willen, etwas zu verändern.

Um das zu erklären, muss ich an den Anfang zurück. Nicht zu einem Wahlplakat und auch noch nicht nach Hüfingen, sondern zu Gesprächen mit meiner Frau über Führung, Verantwortung und die Frage, wem man ein Rathaus anvertrauen würde.

Der Gedanke begann in Gesprächen mit meiner Frau

Meine Frau ist Richterin. Sie verbindet juristische Präzision mit etwas, das für öffentliche Verantwortung mindestens ebenso wichtig ist: Sie kann sehr genau zuhören, Interessen voneinander trennen, Konflikte versachlichen und nach gründlicher Abwägung eine klare Entscheidung treffen. Dabei verliert sie den Menschen hinter einer Position nicht aus dem Blick. Ich habe ihr deshalb schon seit Jahren gesagt, dass sie vieles mitbringt, was eine gute Bürgermeisterin ausmacht.

Das war nie nur ein beiläufiger Scherz, aber ebenso wenig ein fertig geplanter gemeinsamer Karriereweg. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, was gute Führung eigentlich bedeutet, wie viel Verantwortung in einem solchen Amt steckt und warum Fachwissen allein nicht genügt. Gerade ihre Sicht auf Recht, Fairness, Verbindlichkeit und den Umgang mit unterschiedlichen Menschen hat meinen eigenen Blick auf das Bürgermeisteramt geprägt.

Ich begann, freie Bürgermeisterstellen zu verfolgen. Zunächst nicht mit einer eigenen Bewerbung im Kopf, sondern aus Interesse an der Frage, welche Gemeinde zu welchem Menschen passt und was hinter einer Ausschreibung tatsächlich steckt. Bei vielen Orten blieb es bei einem kurzen Blick. Hüfingen war anders.

Je länger ich mich mit der Stadt beschäftigte, desto stärker prüfte ich nicht mehr nur abstrakt, was ein Bürgermeister können sollte, sondern meine eigenen Erfahrungen: Unternehmen führen, Verantwortung übernehmen, Strukturen ordnen, Fehler finden, Entscheidungen treffen und sie erklären. Aus einer Idee, über die wir zu Hause immer wieder gesprochen hatten, wurde keine „übernommene“ Kandidatur. Sie wurde für mich vielmehr zur persönlichen Frage: Könnte ich diese Aufgabe selbst ausfüllen?

Meine Frau war dabei weder Statistin noch bloße Zuschauerin. Sie war Rückhalt, kritische Gesprächspartnerin und jemand, der meine Begeisterung ebenso ernst nahm wie meine blinden Flecken. Dass ich schließlich kandidierte, war meine Entscheidung. Ohne diese Gespräche hätte ich sie vermutlich nie getroffen.

Warum Hüfingen mich nicht mehr losließ

Eine romantische Vorgeschichte gab es nicht. Ich kannte Hüfingen vor allem vom Vorbeifahren auf dem Weg zu meinen Großeltern im Schwarzwald. Die Stadt lag keine 40 Minuten entfernt, aber ich hatte dort weder Familie noch ein Amt, keinen Verein und kein über Jahre gewachsenes Netzwerk.

Was mich anzog, war die Aufgabe.

In Zeitungsberichten und öffentlichen Unterlagen war von Konflikten, schwierigen Entscheidungen und einer angespannten Stimmung rund um Rathaus und Kommunalpolitik zu lesen. Gleichzeitig sah ich eine Stadt mit einer interessanten Größe, soliden wirtschaftlichen Voraussetzungen, engagierten Ortsteilen und vielen Möglichkeiten. Je tiefer ich einstieg, desto weniger war Hüfingen für mich nur ein Name auf einer Ausschreibung.

Ich las Gemeinderatsunterlagen, beschäftigte mich mit Finanzen, Schulen, Vereinen, Unternehmen, laufenden Projekten und den Ortsteilen. Ich suchte erste Gespräche und wurde dabei überraschend freundlich aufgenommen. Menschen erzählten mir nicht nur, was öffentlich diskutiert wurde, sondern auch, wie sie ihre Stadt im Alltag erlebten und warum sich viele einen Neuanfang wünschten.

Mehrere Personen stehen bei einem Gespräch während des Bürgermeisterwahlkampfs im Freien zusammen
Die stärksten Momente der Kandidatur waren nicht die fertigen Programme, sondern die Gespräche vor Ort: zuhören, nachfragen und verstehen, wie Menschen ihre Gemeinde im Alltag erleben. Archiv · Bürgermeisterwahl Hüfingen 2024

Irgendwann wurde aus dem Interesse eine unbequeme Frage: Würde ich mich nur über Entscheidungen ärgern – oder wäre ich bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen? Meine ehrliche Antwort war: Ich glaube, dass ich es besser machen kann.

Das war selbstbewusst und vermutlich auch ein Stück weit anmaßend. Ich hatte keine klassische Verwaltungslaufbahn und kaum politische Erfahrung. Ich war Unternehmer und IT-Fachmann, kein Amtsleiter und kein Berufspolitiker. Gleichzeitig wusste ich aus meinem beruflichen Alltag, dass Führung nicht mit einem Titel beginnt, sondern mit der Bereitschaft, Verantwortung auch dann zu tragen, wenn eine Entscheidung unbequem wird.

Aber ich hatte Unternehmen aufgebaut, Mitarbeiter geführt, Krisen gelöst und über Jahre gelernt, wie viel gute Führung mit klaren Zuständigkeiten, verlässlichen Abläufen und ehrlicher Kommunikation zu tun hat. Ich war überzeugt, dass Hüfingen nicht in erster Linie einen glänzenden Selbstdarsteller brauchte, sondern jemanden, der genau hinschaut, Probleme strukturiert und Entscheidungen nicht scheut.

Das passte eher zu mir, als es auf den ersten Blick wirkt. Ich suche keine Bühne. Vorträge im Studium habe ich abgrundtief gehasst, und bei öffentlichen Auftritten war mein erster Impuls lange eher Flucht als Vorfreude. Aber das Bürgermeisteramt besteht nicht nur aus Festreden und Händeschütteln. Es geht darum, zuzuhören, eine Verwaltung zu führen, Interessen zusammenzubringen, Entscheidungen zu treffen und für ihre Folgen einzustehen.

Genau diese Aufgabe reizte mich.

Ich wollte nicht Bürgermeister werden, um im Mittelpunkt zu stehen. Ich wollte Verantwortung übernehmen und prüfen, ob ich eine Gemeinde tatsächlich besser führen kann.

Authentisch – aber strategisch ziemlich naiv

Die ersten Wochen bestärkten mich. Unterstützungsunterschriften kamen schnell zusammen, die Gespräche waren offen und wohlwollend. Ich hatte das Gefühl, mit meiner direkten Art anzukommen.

Daraus zog ich allerdings die falschen Schlüsse.

Ich ging sehr früh und sehr offen in die Öffentlichkeit. Eine Agentur wollte ich bewusst nicht einschalten. Mir war wichtig, dass die Menschen mich kennenlernen – nicht eine glattgezogene Wahlkampffigur, die nach der Wahl plötzlich nicht mehr lieferbar ist.

Diesen Grundgedanken halte ich weiterhin für richtig. Der Fehler lag in der Annahme, Professionalität und Echtheit würden sich widersprechen. Eine gute Wahlkampfberatung erfindet keinen anderen Menschen. Sie hilft, die eigene Person verständlich zu zeigen, Themen zu ordnen, Prioritäten zu setzen und nicht jede gute Idee gleichzeitig auf den Tisch zu legen.

Genau das tat ich nämlich. Ich hatte früh einen sehr detaillierten Plan, kannte Haushaltszahlen, Projekte und einzelne Problemstellen. Ich wollte beweisen, wie gründlich ich mich vorbereitet hatte. Dabei sprach ich oft schon über das Wie, bevor viele überhaupt wussten, wer ich bin und warum sie mir vertrauen sollten.

Mein zweiter großer Fehler war der Haustürwahlkampf.

Ich selbst empfinde es eher als unangenehm, wenn ein Kandidat unangekündigt klingelt und mir sein Programm erklärt. Viele Freunde und Bekannte sahen das ähnlich. Daraus machte ich unbewusst eine allgemeine Wahrheit. Ich bot stattdessen persönliche Gespräche an: Wer mich kennenlernen oder ein Anliegen besprechen wollte, konnte mich gewissermaßen buchen. Das wurde genutzt, und einige dieser Gespräche gehören bis heute zu den besten Erinnerungen an die Kandidatur.

Nur erreichte ich damit vor allem Menschen, die ohnehin so interessiert waren, dass sie selbst aktiv wurden. Die vielen anderen – freundlich, offen, aber nicht von sich aus auf der Suche nach einem Kandidatengespräch – erreichte ich kaum.

Ich hatte meine eigene Blase mit der Gemeinde verwechselt.

Heute sehe ich Haustürwahlkampf anders: nicht als Gelegenheit, Menschen ungefragt vollzureden, sondern als Möglichkeit, ihnen dort zuzuhören, wo ihr Alltag stattfindet. Wer Bürgermeister werden möchte, darf nicht darauf warten, dass die Bürger zu ihm kommen.

Mehrere rote Wahlkampfflyer mit Porträt und den Aussagen Zuhören, Hinschauen, Verstehen und Machen
Die Botschaft war klar und passte zu mir. Was fehlte, war nicht Überzeugung, sondern eine konsequente Strategie, diese Botschaft bis zum Wahltag in die Breite zu tragen. Privatarchiv · Bürgermeisterwahl Hüfingen 2024

Der Moment, in dem ich meinen eigenen Wahlkampf vorzeitig beendete

Nach und nach kamen weitere Bewerber hinzu. Am Ende standen fünf Namen auf dem Stimmzettel. Ich tat das, was mir liegt: Ich analysierte jedes Profil sehr genau. Erfahrung, Auftreten, örtlicher Bezug, Themen, mögliche Stärken und die Frage, wer zur damaligen Situation in Hüfingen passen könnte.

Dabei kam ich zu der Einschätzung, dass Patrick Haas der passendere Kandidat war.

Das sage ich nicht erst heute, um mein Ergebnis freundlicher wirken zu lassen. Ich dachte es bereits vor der Wahl. Für mich ging es nie darum, das Amt um jeden Preis selbst zu bekommen. Ich traute mir zu, Hüfingen gut zu führen. Aber ich war nicht der einzige Kandidat, dem ich das zutraute.

Aus dieser Erkenntnis zog ich jedoch eine falsche und letztlich unfaire Konsequenz: Ich behandelte meine eigene Analyse beinahe wie ein vorweggenommenes Wahlergebnis.

Geplante Ortsspaziergänge und ein größeres Fachgespräch sagte ich kurz vor der Veröffentlichung ab. Danach nahm ich im Wesentlichen nur noch die Pflichttermine wahr. Ich war überzeugt, dass ich zwar noch ein deutlich besseres Ergebnis erreichen könnte, aber nicht mehr gewinnen würde – und dass bei einer Bürgermeisterwahl am Ende nur der erste Platz zählt.

Heute sehe ich das anders. Wer kandidiert, schuldet den Menschen bis zum Schluss eine vollständige Kandidatur. Man kann einen Mitbewerber für stärker halten und trotzdem alles geben. Die Entscheidung darüber, wer tatsächlich überzeugt, trifft nicht die eigene Excel-Tabelle im Kopf, sondern die Wählerschaft.

Ausgerechnet die öffentlichen Auftritte, vor denen ich am meisten Respekt gehabt hatte, machten mir das besonders deutlich. Bei der Bewerbervorstellung in der vollen Festhalle und später bei der Podiumsrunde des SÜDKURIER stand ich zum ersten Mal vor so vielen Menschen auf einer Bühne.

Ich war nervös. Das Adrenalin war beträchtlich. Und trotzdem fühlte ich mich erstaunlich wohl. Sobald es um konkrete Aufgaben, Entscheidungen und unterschiedliche Positionen ging, verschwand ein großer Teil meiner Unsicherheit. Ich merkte: Ich kann das. Vielleicht nicht perfekt, aber deutlich besser, als ich es mir selbst zugetraut hatte.

Natürlich gab es auch den peinlichen Moment. Bei der SÜDKURIER-Runde sollten wir die Hüfinger Ortsteile nach Einwohnerzahl ordnen. Ich hatte mich tief in Haushaltsfragen und Entwicklungsmöglichkeiten eingearbeitet – und wusste ausgerechnet diese Reihenfolge nicht sicher.

Das war eine ziemlich passende Lektion. Eine Kommune ist kein System, das man allein durch Aktenstudium vollständig versteht. Man kann sehr viel über einen Ort wissen und trotzdem an etwas scheitern, das für die Menschen dort völlig selbstverständlich ist.

An diesem Abend bereute ich erstmals ernsthaft, den Wahlkampf zuvor zurückgefahren zu haben. Zugleich wurde mir klar: Hüfingen würde es nicht werden. Der Wunsch, Bürgermeister zu werden, war damit aber nicht erledigt.

82 Stimmen und eine Bilanz ohne Ausreden

Am 30. Juni 2024 gewann Patrick Haas die Wahl im ersten Wahlgang mit 61,33 Prozent. Auf mich entfielen 82 Stimmen beziehungsweise 2,35 Prozent.

Das war ein schlechtes Ergebnis. Daran gibt es nichts schönzureden.

Ich kann erklären, dass ich meinen Wahlkampf reduziert, kaum Haustürwahlkampf gemacht und keine große Helferstruktur aufgebaut hatte. Das gehört zur Wahrheit, ist aber keine Entschuldigung. Ich hatte mich für diesen Weg entschieden und entsprechend wenige Menschen erreicht. Die Verantwortung dafür lag bei mir.

Die Niederlage war trotzdem kein existenzieller Absturz. Ich wollte den Job nicht wegen des Geldes. Mit dem Bürgermeistergehalt hätte ich weniger verdient als mit meinen Unternehmen. Für den Fall eines Sieges hatte ich sogar bereits einen Käufer für meine Firma – vermutlich war er am Wahlabend aus ganz eigenen Gründen besonders enttäuscht.

Ganz folgenlos war die Kandidatur dennoch nicht. Während dieser Zeit lief mein Unternehmen stellenweise nur deshalb so verlässlich weiter, weil mein Team viel auffing. Auch meine Familie trug den Zeitaufwand, die vielen Gespräche und die Unruhe rund um den Wahlkampf mit. Eine Bürgermeisterkandidatur ist kein privates Hobby, selbst wenn am Ende nur ein Name auf dem Plakat steht.

Und natürlich tat das Ergebnis weh. In den Monaten zuvor war aus einer Idee ein konkretes mögliches Leben geworden. Am Wahlabend war dieses Bild mit einem Schlag vorbei.

Ich habe mich davon nicht jahrelang lähmen lassen. Das bekannte Bild vom Hinfallen, Krönchen richten und Weitermachen passt durchaus. Nur bedeutet Weitermachen nicht, so zu tun, als sei nichts gewesen. Es bedeutet, ehrlich hinzusehen und die Konsequenzen zu ziehen.

Ein junger Helfer befestigt während des Bürgermeisterwahlkampfs ein Wahlplakat am Straßenrand
Eine Kandidatur trägt nie nur der Name auf dem Plakat. Familie, Freunde und Team haben mit angepackt und vieles aufgefangen – eine Unterstützung, die ich heute noch bewusster sehe als damals. Privatarchiv · Bürgermeisterwahl Hüfingen 2024

Seit der Wahl sind meine Unternehmen weiter gewachsen. Ein zusätzlicher Standort kam hinzu, Geschäftsfelder wurden erweitert, ich habe den Vorsitz eines gemeinnützigen Vereins übernommen, und ein großes Immobilienprojekt befindet sich in der Entwicklung. Gleichzeitig bereite ich mich aktuell auf die IHK-Ausbildereignungsprüfung vor. Ab dem Wintersemester 2027/28 plane ich ein Studium der Politikwissenschaft und Verwaltungswissenschaft.

Nicht, weil ein Abschluss automatisch einen guten Bürgermeister macht. Hüfingen hat mir aber sehr konkret gezeigt, wo unternehmerische Erfahrung trägt – und wo Verwaltungswissen, Haushaltsrecht, politische Mehrheiten und institutionelle Abläufe nicht einfach durch Energie und Selbstvertrauen ersetzt werden können.

Nicht jedes freie Rathaus ist das richtige

Seit Hüfingen schaue ich anders auf Gemeinden. Ich beobachte Entwicklungen im weiteren Umkreis, lese Ausschreibungen genauer und führe gelegentlich Gespräche mit Bürgermeistern oder Mitgliedern von Gemeinderäten. Nicht mit einer vorbereiteten Bewerbung in der Tasche, sondern um besser zu verstehen, welche Aufgaben, Strukturen und Erwartungen zu mir passen könnten – und welche nicht.

Ein Beispiel dafür war die Gemeinde Reichenau. Ich beschäftigte mich eine Zeit lang ernsthaft mit der Frage, ob dort eine Kandidatur infrage kommen könnte, und führte ein langes, sehr gutes Gespräch mit dem damaligen Bürgermeister, der nicht erneut antrat.

Gerade dieses Gespräch war hilfreich, weil danach für mich klar war: Reichenau wird es nicht.

Nicht jede interessante Gemeinde muss zu einer Kandidatur führen. Ein Bürgermeisteramt ist keine Stelle, auf die man sich bewirbt, weil Titel, Entfernung und Besoldung ungefähr passen. Die Aufgabe, die Gemeinde, die persönliche Lebenssituation und das eigene Verständnis vom Amt müssen zusammenpassen. Wenn dieses Gefühl nicht entsteht, ist eine bewusste Absage vernünftiger als eine aus Ehrgeiz konstruierte Bewerbung.

Warum Radolfzell für mich nicht zur Debatte steht

Im Freundes-, Bekannten- und Kundenkreis kommt trotzdem immer wieder die Frage auf: Warum kandidierst du nicht in Radolfzell?

Meine Antwort ist eindeutig

Ich plane keine Kandidatur für das Oberbürgermeisteramt in Radolfzell. Das ist keine taktische Formulierung und keine Hintertür für eine spätere Überraschung.

Radolfzell ist mein Zuhause. Meine Familie lebt hier, ich betreibe Unternehmen, beschäftige Menschen, engagiere mich im Verein und kenne viele Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Gemeinderat aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Ich lebe gern hier und schätze die Stadt.

Aber gerade daraus folgt für mich nicht automatisch, dass ich sie auch führen sollte. Ein Oberbürgermeisteramt in einer Stadt dieser Größe ist eine andere Aufgabe als das Bürgermeisteramt einer kleineren oder mittleren Kommune. Es umfasst eine große Verwaltung, Beteiligungen, komplexe politische Strukturen und eine Vielzahl gewachsener Interessen. Das ist nicht die Aufgabe, auf die ich meine weitere Entwicklung ausrichte.

Hinzu kommt, dass ich in Radolfzell längst in viele Rollen und Beziehungen eingebunden bin. Das ist Heimat – aber nicht die Art von unbefangenem Ausgangspunkt, die ich für eine eigene Kandidatur suche.

Ich muss nicht aus jedem Ort, an dem ich gern lebe und Verantwortung übernehme, ein persönliches Wahlprojekt machen. Radolfzell ist für mich kein offenes Kapitel einer möglichen OB-Kandidatur.

Was ich bei einer weiteren Kandidatur anders machen würde

Der Wunsch, eines Tages Bürgermeister zu werden, ist geblieben. Eine konkrete Kandidatur gibt es derzeit nicht.

Sollte sie kommen, würde ich vieles anders machen. Ich würde früh eine professionelle Beratung einbinden, ohne mich zur Kunstfigur machen zu lassen. Ich würde ein belastbares Helferteam aufbauen, konsequent an Türen klingeln, Vereinsabende besuchen und nicht darauf warten, dass interessierte Menschen von selbst Kontakt aufnehmen.

Vor allem würde ich weniger fertige Detailpläne mitbringen und zunächst mehr Fragen stellen. Ein Kandidat sollte vorbereitet sein. Er sollte aber nicht den Eindruck erwecken, eine Gemeinde schon vollständig verstanden zu haben, bevor er ihren Alltag wirklich erlebt hat.

Und ich würde bis zum letzten Wahltag alles geben. Auch dann, wenn ich einen Mitbewerber für besonders stark halte. Diese Entscheidung steht nicht mir zu.

Meine Vorstellung vom Amt ist seit Hüfingen weniger technokratisch und zugleich anspruchsvoller geworden. Ein Bürgermeister muss nicht überall der klügste Mensch im Raum sein. Er muss gute Mitarbeiter erkennen und ihnen vertrauen, unterschiedliche Interessen ernst nehmen, Entscheidungen verständlich machen und korrigieren können, wenn sich eine Annahme als falsch erweist.

Er muss präsent sein – nicht nur auf der Bühne, sondern gerade dann, wenn es schwierig wird.

Und Hüfingen?

Hüfingen habe ich weiterhin im Blick. Nicht als möglichen Ort einer zweiten Kandidatur. Bei der nächsten Wahl werde ich dort auf keinen Fall noch einmal antreten.

Ich verfolge die Entwicklung, weil mich die Stadt über Monate intensiv beschäftigt hat und weil ich dort viele Menschen kennengelernt habe, die mir offen und freundlich begegnet sind. Eine Wahl endet an einem Sonntagabend. Das Interesse an einem Ort lässt sich nicht ganz so pünktlich abschalten.

Vor allem freue ich mich heute ehrlich darüber, gegen einen guten Kandidaten verloren zu haben.

Wie viel bitterer wäre eine deutliche Niederlage, wenn man anschließend mitansehen müsste, wie der Gewinner die Gemeinde in neue Konflikte oder gar ins Chaos führt? Man könnte sich dann selbstgefällig einreden, man habe es besser gewusst. Die Folgen müssten aber nicht der unterlegene Kandidat, sondern die Bürgerinnen und Bürger tragen.

Das wünsche ich niemandem – und einer Stadt, die mir Vertrauen entgegengebracht hat, schon gar nicht.

Nach allem, was ich aus der Distanz wahrnehme, macht Patrick Haas seine Sache gut. Er wirkt sachlich, präsent und auf die Aufgabe konzentriert. Das bestätigt meine damalige Einschätzung, dass er für Hüfingen der passendere Kandidat war.

Diese Feststellung macht mein Ergebnis nicht besser und nimmt mir keine Verantwortung für meine Fehler. Sie sorgt aber dafür, dass ich ohne Bitterkeit auf Hüfingen zurückschauen kann. Die Bürgerinnen und Bürger haben sehr deutlich entschieden – und nach meinem heutigen Eindruck gut entschieden.

Hüfingen bleibt in meinem Blick – aber nicht als nächste Kandidatur. Ich freue mich, dass die Stadt mit Patrick Haas nach meinem Eindruck eine gute Wahl getroffen hat.

Die 82 Stimmen waren kein politischer Erfolg. Hinter jeder einzelnen stand trotzdem ein Mensch, der mir diese Aufgabe zugetraut hat. Das vergesse ich nicht.

Die Kandidatur hat mir gezeigt, dass der Wunsch mehr war als eine spontane Idee. Sie hat mir aber ebenso deutlich gezeigt, wie viel Vorbereitung, Präsenz und Demut eine ernsthafte Bewerbung verlangt.

Der Wunsch ist geblieben. Die Eile ist verschwunden.

Fakten zur Wahl

Die Bürgermeisterwahl in Hüfingen fand am 30. Juni 2024 mit fünf Bewerbern statt. Patrick Haas gewann im ersten Wahlgang mit 61,33 Prozent. Auf Tassilo Koch entfielen 82 Stimmen beziehungsweise 2,35 Prozent.