Mich nervt inzwischen gewaltig, wie selbstverständlich wir in Deutschland immer neue Regeln, Einschränkungen und Verbote produzieren – und wie wenig es offenbar interessiert, ob diese im Alltag überhaupt funktionieren.

Unternehmen, Verwaltung, Politik: Überall werden Vorgaben beschlossen. Dass die Voraussetzungen fehlen, Menschen sie kaum sinnvoll einhalten können oder ihre Einhaltung nicht wirksam durchgesetzt wird, behandelt man anschließend als praktisches Detail.

Für mich gehört genau das an den Anfang jeder Entscheidung.

Wer eine Regel beschließt, deren Scheitern bereits absehbar ist, schafft einen Widerspruch, den anschließend andere ausbaden dürfen. Wer diesen Widerspruch wissentlich bestehen lässt, trägt Verantwortung für die Folgen.

Und die reichen deutlich weiter als bis zum nächsten Verbotsschild.

Wir gewöhnen Menschen daran, Regeln nicht mehr ernst zu nehmen.

Ein konkretes Beispiel liegt zwischen Radolfzell und Moos.

Der Radweg entlang der L 192 ist nach Unwetterschäden gesperrt. Verbotsschilder stehen dort. Die Sanierung soll laut Regierungspräsidium Freiburg am 9. November beginnen. Eine Umleitung über Rickelshausen ist ausgeschildert.

Und trotzdem gehen und fahren die Menschen auf der gesperrten Verbindung weiter. Nach meiner Einschätzung mehr als hundert am Tag.

Die Schilder werden gesehen. Sie werden ignoriert.

Die offizielle Umleitung halte ich für den Alltag schlicht nicht für eine sinnvolle Alternative. Wer Wege plant, muss sich dafür interessieren, was ein Umweg für Menschen bedeutet, die zu Fuß unterwegs sind oder mit dem Fahrrad eine alltägliche Strecke zurücklegen.

Eine Linie auf einer Umleitungskarte erledigt diese Frage nicht.

Unwetterschäden können eine Sperrung notwendig machen. Genau deshalb muss man sich aber mit der tatsächlichen Situation beschäftigen: Wie gefährlich ist es dort? Welche Abschnitte müssen zwingend gesperrt bleiben? Welche Übergangslösung ist möglich? Wie kommen die Menschen währenddessen vernünftig an ihr Ziel?

Ein Verbot aufzustellen und die tägliche Wirklichkeit anschließend daneben bestehen zu lassen, löst dieses Problem jedenfalls nicht.

Wer sich an die Vorgabe hält, nimmt den Umweg. Wer sie ignoriert, kommt direkt ans Ziel. Wenn Menschen diese Erfahrung immer wieder machen, lernen sie etwas daraus.

Sie lernen, zwischen Regeln zu unterscheiden, die tatsächlich gelten, und Regeln, die offenbar hauptsächlich irgendwo stehen müssen.

Ein zweites Beispiel sind die E-Scooter in der Radolfzeller Fußgängerzone.

Ich kann diese Dinger dort nicht ausstehen. Besonders dann, wenn damit zwischen Fußgängern durchgeheizt wird, als müssten alle anderen gefälligst Platz machen. Eine Fußgängerzone sollte ein Ort sein, an dem man sich bewegen kann, ohne ständig auf jemanden achten zu müssen, der auf einem elektrischen Roller an einem vorbeischießt.

KI-generiertes Symbolbild: Ein Erwachsener fährt auf einem E-Scooter durch eine Fußgängerstraße mit Passanten.
Ein Verbot muss diejenigen erreichen, die andere gefährden. KI-generiertes Symbolbild, keine Aufnahme aus Radolfzell und keine Dokumentation eines konkreten Vorfalls.

Das Fahren mit E-Scootern ist dort bereits untersagt. Das steht auch auf der Website der Stadt Radolfzell. Trotzdem wird gefahren.

Der Ausschuss hat sich für die Fortführung des Verbots ausgesprochen. Im Bericht des Wochenblatts ist von zusätzlichen Schildern, Aufklärung und gemeinsamen Kontrollen durch Gemeindevollzugsdienst und Polizei die Rede. Dort steht allerdings auch, dass der Gemeindevollzugsdienst allein nur eingeschränkt eingreifen könne.

Genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt.

Ein Verbot erreicht zunächst diejenigen, die bereit sind, sich daran zu halten. Der vernünftige Fahrer steigt ab oder nimmt einen anderen Weg. Der hätte allerdings auch vorher schon darauf geachtet, niemanden zu gefährden.

Wer sich dagegen schon um die Sicherheit anderer wenig schert, wird nicht allein durch ein weiteres Schild rücksichtsvoll.

Solange dieser Fahrer im Alltag erlebt, dass er trotzdem durchkommt, lernt er etwas völlig anderes: Es ist verboten, aber das muss mich offenbar nicht besonders interessieren.

Die Rücksichtsvollen schränken sich ein. Die Rücksichtslosen fahren weiter.

Und die Fußgänger, zu deren Schutz das Ganze gedacht ist, dürfen weiterhin aufpassen.

Das ist ein zahnloser Tiger.

Ich will, dass das rücksichtslose Fahren dort tatsächlich aufhört. Genau deshalb reicht es mir nicht, ein Verbot zu beschließen oder zu bestätigen. Entscheidend ist, ob es diejenigen erreicht, die das Problem verursachen.

Angekündigte Kontrollen müssen im Alltag Wirkung entfalten. Dafür braucht es Menschen, Zeit, klare Zuständigkeiten und die Möglichkeit, Verstöße tatsächlich zu ahnden.

Wenn diese Voraussetzungen fehlen, muss man sie schaffen. Man kann doch nicht eine Regel zur Lösung erklären und die Mittel für ihre Durchsetzung anschließend als nachrangige Frage behandeln.

Ein Verbot ohne wirksame Durchsetzung belohnt am Ende diejenigen, denen es egal ist.

Das ist die Verbindung zwischen diesen beiden Beispielen.

Beim Radweg geht es für mich um eine Einschränkung, deren Alltagstauglichkeit ich infrage stelle. Bei den Scootern geht es um ein Verhalten, das ich tatsächlich unterbunden sehen will. In beiden Fällen reicht es nicht, etwas zu verbieten und sich anschließend mit dem Abstand zwischen Vorschrift und Wirklichkeit abzufinden.

Dieser Abstand hat Folgen.

Menschen lernen, dass Regelbefolgung vor allem diejenigen etwas kostet, die ohnehin Rücksicht nehmen. Sie lernen, dass Dreistigkeit einen praktischen Vorteil bringen kann. Und sie lernen, vor jedem Verbot zunächst abzuschätzen, ob es überhaupt Konsequenzen hat.

Dann wundern wir uns über fehlenden Respekt und darüber, dass sich jeder seine eigenen Maßstäbe zurechtlegt.

Diese Entwicklung produzieren wir mit.

Dasselbe Muster gibt es in Unternehmen. Vorgeschriebene Abläufe passen nicht zur tatsächlichen Arbeit. Gleichzeitig sollen alle Ergebnisse pünktlich vorliegen. Also entstehen Umgehungen. Solange der Betrieb funktioniert, werden sie stillschweigend hingenommen.

Geht etwas schief, kann die Führung auf die Vorschrift zeigen.

Für mich ist das organisierte Verantwortungslosigkeit. Wer Ergebnisse verlangt, die unter den eigenen Regeln kaum erreichbar sind, muss diesen Widerspruch auflösen. Er darf nicht darauf bauen, dass Beschäftigte ihn täglich auf eigenes Risiko umgehen.

Auch politische Beschlüsse müssen sich daran messen lassen. Wer eine neue Pflicht einführt, muss beantworten können, wie sie umgesetzt und durchgesetzt wird. Personal, Zeit, Geld und funktionierende Verfahren gehören zur Entscheidung.

Besonders satt habe ich dabei die ständige Angst vor Verantwortung.

Es könnte etwas passieren. Jemand könnte sich verletzen. Hinterher könnte jemand klagen.

Also lieber verbieten.

Diese Denkweise darf nicht länger bestimmen, wie viel Freiheit wir einander zugestehen.

Ein Leben ohne Risiko gibt es nicht. Auch mit ausreichend Schildern, Formularen und unterschriebenen Belehrungen wird es das nicht geben. Wer jede denkbare Gefahr zum Anlass für eine Einschränkung nimmt, findet am Ende für nahezu jedes Verbot eine Begründung.

Irgendjemand könnte stolpern. Etwas falsch einschätzen. Eine Warnung übersehen. Sich unvernünftig verhalten.

Die Summe einzeln betrachtet nachvollziehbarer Begründungen kann trotzdem ein völlig unvernünftiges System ergeben.

Ein System, in dem es bequemer wird, etwas zu untersagen, als eine verantwortbare Lösung zu ermöglichen.

Ein System, das Menschen ständig Entscheidungen abnimmt und sich anschließend darüber beklagt, dass Eigenverantwortung fehlt.

Ich möchte wieder mehr Zutrauen in die Fähigkeit erwachsener Menschen, ihren eigenen Kopf zu benutzen. Gefahren einzuschätzen. Entscheidungen zu treffen. Und für deren Folgen einzustehen.

Das muss dann allerdings auch gelten, wenn eine eigene Entscheidung unangenehme Konsequenzen hat. Wer ein erkennbares Risiko bewusst eingeht, kann anschließend nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass irgendein anderer dafür verantwortlich sein muss.

Wo andere gefährdet werden, braucht es verbindliche Grenzen. Genau deshalb gehört das rücksichtslose Fahren zwischen Fußgängern unterbunden. Die Freiheit des Scooterfahrers umfasst nicht das Recht, alle anderen zum Ausweichen zu zwingen.

Freiheit und Verantwortung verlangen beides: eigene Entscheidungen zulassen und Übergriffe auf andere wirksam begrenzen.

Dafür brauchen wir weniger Vorschriften, die nur auf dem Papier funktionieren, und mehr Verbindlichkeit bei den Regeln, die tatsächlich notwendig sind.

Wer etwas verbietet, muss erklären können, warum es erforderlich ist, wie die Betroffenen damit im Alltag umgehen sollen und wie die Einhaltung durchgesetzt wird.

Wenn eine Regel scheitert, muss sie überprüft werden. Vielleicht fehlen die Voraussetzungen. Vielleicht ist die Umsetzung schlecht. Vielleicht war die Regel selbst eine schlechte Idee.

Dann muss man nachbessern oder sie aufheben.

Auch eine Behörde, ein Unternehmen oder die Politik muss sagen können: Das funktioniert so nicht. Wir korrigieren es.

Verbote und Einschränkungen müssen die Ausnahme bleiben. Der Wunsch, sich vorsorglich abzusichern, reicht als Begründung nicht aus. Und wenn etwas wirklich verboten sein muss, dann muss dieses Verbot auch gelten.

Ich habe keine Lust auf eine Gesellschaft, in der am Ende vor allem die Vernünftigen eingeschränkt werden, während die Rücksichtslosen lernen, dass sie damit durchkommen.

Wer Verbindlichkeit verlangt, muss aufhören, Unverbindlichkeit zu organisieren.